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La Veganista – Rezension

Allein schon beim Titel war klar, dass er den Leser faszinieren würde: „La Veganista“ aus dem Hause Gräfe und Unzer. Das klingt nach Grandezza, nicht nach langweiliger Vegankost. Das verspricht Weltoffenheit und versprüht den Charme des Laissez- faire. Da schwingt eine genießerische Großzügigkeit mit von jemandem, der locker aus dem Handgelenk vegane Gerichte zaubert, die den Gaumen entzücken, für den Originalität und Ideenreichtum die Basis einer jeden Küche sind. „La Veganista“, das ist Nicole Just, ihres Zeichens Berlinerin und Enkelin eines Metzgers. Aufgewachsen im roten Fleischsaft sozusagen. Seit 2009 lebt die 32-jährige vegan, beschreibt ihre Erfahrungen auf einem blog und verrät dort Rezepte, gibt Kochkurse und – nahezu unvermeidlich – veröffentlichte 2013 ihr erstes Buch, „La Veganista“ eben.

Zweifellos ist das Buch ansehnlich aufgemacht. Die Bilderstrecke ist repräsentativ in Szene gesetzt. Jedes Rezept wird mit einem Foto aufgewertet und kommt als Doppelseite daher. Der Rezeptteil selbst geht den klassischen Weg: Als Auftakt das Frühstück, dann ein Kapitel mit Snacks für zwischendurch, es folgen Hauptgerichte, im Anschluss besondere Menüvorschläge für besondere Gelegenheiten, und zum Abschluss natürlich die unvermeidliche süße Verführung. Nichts Aufregendes also.

La Veganista

La Veganista Quelle:Amazon

Über Geschmack lässt sich streiten

Die Aufregung eines überzeugten Veganers oder solchen, die es werden wollen, fängt bei den Rezepten an, die sich fast durchweg als langweilige Mogelpackung disqualifizieren. Experimente sind Nicole Justs Sache nicht. Degustibus non est disputandum – Über Geschmack kann man nicht streiten. Doch, das kann man sehr wohl. Zum Beispiel wenn es um Fleischersatz geht. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Begriff durch das Buch. Für jemanden, der von der veganen Lebensweise überzeugt ist, ein absolutes No-Go. Vegan ist, ohne jetzt missionarisch werden zu wollen, mehr als die Ansammlung fleischfreier Rezepte. Veganismus ist eine Lebensüberzeugung, eine Notwendigkeit, um das Tierleid auf dieser Welt einzudämmen, und vielleicht irgendwann zu beenden. Veganismus ist die bewusste Hinwendung zu einer Philosophie und neuen Lebensart. In der veganen Küche geht es nicht darum, Fleisch zu ersetzen, sondern sich um eine alternative, wohlschmeckende und gesunde Ernährungsform zu bemühen. Gerade letzteres lässt Nicole Just völlig außer acht.

Ein Rezept, das den Titel „Königsberger Klopse“ trägt, aber eben nicht aus Fleisch hergestellt wird, lässt zunächst stutzen und sorgt dann für Verärgerung. Man gewinnt den Eindruck, die Autorin steht nicht zu hundert Prozent hinter ihrer Idee, auch wenn sie vegan kocht. Oder sie traut ihren Lesern nicht zu, ihrer veganen Kochreise zu folgen. Das allerdings empört. Wer vegan essen möchte, braucht kein Schweinemett aus Reiswaffeln. Der will keine Königsberger Klopse, Gulasch oder Rouladen vegan übersetzt, was an biederer deutscher Hausmannskost ohnehin nicht zu überbieten ist. Der an fleischloser Ernährung interessierte Leser ist auf der Suche und möchte schlicht und ergreifend phantasievolle vegane Originale. Zumal diese pseudo Fleischrezepte die vegane Küche entwerten und ihr damit jegliche Souveränität in Abrede stellen.

Tofu ist kein Fleischersatz

Daher macht es sich Nicole Just zu einfach, indem sie statt Fleisch und Würstchen grundsätzlich Tofu, Tempeh und Seitan serviert. Oft genug auch Räuchertofu, der geschmacklich alles überdeckt und einzelne Gemüsesorten überhaupt nicht leben lässt. Um Tofu ist ein regelrechter Hype entstanden, der die gesamte Vegan-Idee bedroht. Wer die unansehnliche weiße Sojabohnenpaste jemals probiert hat, weiss wie langweilig das Zeug schmeckt, das selbst bei aller Gewürzkunst kaum aufzupeppen ist. Das führt genau zu jenen Reaktionen unter Fleischessern, die man vermeiden will: Vegan ist langweilig, das schmeckt doch nicht, da bleib ich doch lieber beim Fleisch. Und wer dann noch unter einer Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) leidet, steht auf völlig verlorenem Posten. Der muss nämlich auf Sojaprodukte verzichten. Da diese genau aus jenem unverträglichen wasserunlöslichen Klebereiweiß des Weizenmehls bestehen. Als Alternative kommt Tofu ohnehin nur bedingt in Frage, da er Phytoöstrogene enthält, die den Hormonhaushalt durcheinanderbringen und das Brustkrebsrisiko erhöhen können, wie zahlreiche Studien belegen. Auch die Funktion der Schilddrüse wird gehemmt. Es hat schon seinen Grund, warum die Japaner maximal 30 Gramm Tofu pro Tag essen und das auch nur in Verbindung mit salzigem (nicht versalzenem!) Gemüse, damit der Tofu besser verstoffwechselt werden kann. Nichts gegen Tofu in der veganen Küche. Aber es ist sinnvoll, ihn mit mehr Zurückhaltung und Verstand einzusetzen und es verbietet sich, ihn als Fleischersatz zu missbrauchen.

Und dann noch die Sache mit dem vielen Zucker und weißem Mehl. Ist der Autorin nicht bekannt, das Weissmehl nicht einmal ein Minimum an Ballaststoffen beinhaltet, dafür vor Kohlenhydraten nur so strotzt? Ein Überschuss wird in Fett umgewandelt und als Depot im Körper gespeichert. Wer in einem halben Jahre eine Kleidergröße mehr braucht, muss sich dann nicht wundern. Und da Nicole Just auch nicht mit Zucker geizt, von dem wir ohnehin zuviel essen, kann sich der Leser auch gleich mit weiteren negativen gesundheitlichen Auswirkungen beschäftigen: Übergewicht, Karies und ein ständig erhöhter Blutzuckerspiegel. Im übrigen macht Zucker süchtig, wie in Studien ebenfalls nachgewiesen wurde.

Gibt es denn überhaupt etwas Positives an diesem Buch und Gründe, es zu kaufen? Ein ganz klares Jein. Für Anfänger, die sich vorsichtig an das Thema Veganismus herantasten wollen, mag es etwas sein. Denn insgesamt sind die Rezepte zumindest leicht nachzukochen, wenngleich die meisten nach nichts schmecken. Da ist dann Eigenkreativität gefragt. Und wer Weissmehl, Zucker und Tofu radikal zusammenstreicht, kann dem einen oder anderen Rezept vielleicht etwas abgewinnen. Recht originell ist die Idee einer veganen Tauschbörse. Damit erschöpft sich allerdings schon die Phantasie der Autorin. Spargel- oder Brotsalat und Nudelsuppe dem Leser als vegane Delikatesse unterzujubeln ist schon ein wenig dreist. Das gilt auch für den Rote-Beete-Salat und Linseneintopf. Und Hefeflocken als Geschmacksverstärker – nun ja. Keine Spur findet sich in der Küche der Autorin von Algen, Nüssen, Kokosnüssen, von Pilzen, Noriblättern oder Süßlupinen.

Ein origineller Titel allein genügt nicht

Insofern gibt es weitaus bessere Einstiegswerke, um sich mit der veganen Küche vertraut zu machen. Ein origineller Titel allein genügt eben nicht. Auch die Inhalte müssen stimmen. Und hier findet sich bei „La Veganista“ eine auffällige Diskrepanz zwischen animierender optischer Aufmachung und den einfallslosen, meistenteils sogar ungesunden Rezepten. Neue Ideen fehlen. Die Lust aufs Ausprobieren wird eher gedämpft als angekurbelt. Nichts gegen schlichte Rezept, aber Inspiration und Kreativität müssen schon zu spüren sein. Vegan – das bedeutet nicht nur Soja und Tofu. Für Veganer öffnet sich eine neue Welt von Pflanzen und Obst, die Königsberger Klopse und Co. vergessen macht. Aber aufzeigen muss man sie ihm schon.


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